Dominanz beim Hund

„Dein Hund will Dich dominieren – er will Dich unterordnen!“ Hast Du das auch schon mal gehört? Diese Aussage scheint die Lösung für jedes Problem zu sein. Dominanz beim Hund scheint also sehr verbreitet zu sein. Dein Hund zieht an der Leine? Klar, er ist dominant! Dein Hund lässt sich sein Spielzeug nicht wegnehmen? Klar, er ist dominant! Dein Hund geht als erstes durch die Tür? Klar, er ist dominant! Hm, ist das wirklich so? Lässt sich jedes Verhalten an Dominanz festmachen und was ist da eigentlich genau mit gemeint?

Wenn ich mich in Hundeforen und Facebook-Gruppen so umschaue, scheint das Thema Dominanz einfach immer präsent zu sein. Völlig verunsicherte Hundehalter berichten von einem Problem und schon trudeln die ersten Kommentare ein, die Dominanz beim Hund als Ursache aufführen. Daraufhin folgen dann Tipps, wie man dem Hund klar macht, wer der „Rudel-Chef“ ist. Diese Tipps reichen dann von Ingorieren über Einsatz von Hilfsmitteln wie Wasserflasche oder Wurfkette bis hin zu unzähligen Verboten (Sofa-Verbot, Bett-Verbot, Kuschel-Verbot usw.). Danach sind die Hundehalter dann noch verunsicherter und viele Hunde müssen wohl zukünftig leiden – nur weil sie missverstanden werden.

Was ist Dominanz beim Hund?

Bevor man sich mit der Dominanz an sich beschäftigt, ist die erste Frage: Was ist eigentlich Dominanz? Hierzu dürften verschiedene Definitionen existieren. Zur Vereinfachung haben wir einmal geschaut, was Wikipedia dazu sagt:

Unter Dominanz versteht man in der Biologie und in der Anthropologie, dass ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen gegenüber einem anderen Individuum bzw. einer Gruppe einen höheren sozialen Status hat, worauf letzteres unterwürfig reagiert. Das Gegenteil von Dominanz ist Unterwürfigkeit bzw. Subdominanz

Dominanz beim HundDominanz beim Hund heißt also in diesem Fall, dass er sich über uns Menschen stellt und der Meinung ist, er muss uns anführen und wir haben uns unterzuordnen. Soweit zur Definition. Und wie sieht das dann in der Praxis aus? Im Grunde genommen heißt das ja, der Hund sieht uns als vollwertige Mitglieder seines Rudels an und macht sich dann zum Chef. Ich hab mich sehr viel mit diesem Thema auseinander gesetzt, eine Menge gelesen, verschiedene Thesen dazu gehört. Aber ganz ehrlich? Ich hab da doch meine Zweifel, ob wir wirklich als vollständiges Mitglied des Rudels angesehen werden.

Wie äußert sich Dominanz beim Hund?

Innerhalb des Rudels ist bei Hunden ganz klar definiert, wer der Boss ist. Diese Position wird im Allgemeinen nicht angezweifelt, wenn Jungtiere sie doch mal in Frage stellen, werden sie in ihre Schranken gewiesen und schon ist wieder klar, wer das Sagen hat. Der Boss entscheidet, wo es langgeht, er klärt Situationen und sorgt dafür, dass alle zusammen bleiben und sicher sind. Der Rudel-Chef fühlt sich in dieser Position wohl, er hat sie sich hart erkämpft und kann mit der Verantwortung umgehen. Soweit ist das alles ganz plausibel.

Wie ist es aber, wenn der Hund uns als sein Rudel ansieht? Meiner Meinung nach, ist dann das absolute Chaos für den Hund ausgebrochen. Wir tun und lassen, was wir möchten und verstehen die wenigsten Gesten, mit denen der Hund uns wieder in Reihe bringen will. Wir geben ihm zu essen, wir schlafen im gemütlichen Bett, bestimmen den Gassi-Weg usw. Wir widersetzen uns also ständig und überall. Und der dominante Boss in Form des Hundes kann sich nicht durchsetzen.

Jetzt sehen sich viele bestätigt und sagen: Siehst Du! Genau das ist es doch! Wenn er jetzt an der Leine zieht oder dieses und jenes macht, zeigt das doch nur, dass er darum kämpft, seine Dominanz zu behaupten und dich zu unterwerfen! Aber gerade das sehe ich dann doch ganz anders. Ich glaube, unsere Hunde wissen ganz genau, dass wir keine normalen Rudelmitglieder sind. Sie wissen, dass wir anders agieren. Und deshalb glaube ich auch, dass sie unser Zusammenleben ganz anders bewerten.

Dominanz beim Hund doch eher Unsicherheit?

Ich glaube, dass Hunde im Zusammenleben mit uns teilweise echte Probleme haben. Sie sehen in uns einen Freund, ein Familienmitglied und ihre Instinkte sagen ihnen, was sie tun sollten. Gleichzeitig wissen sie aber auch, dass wir im Grunde genommen für sie völlig irrational und unvorhersehbar handeln. Und je nach Charakter des Hundes ist das okay – oder eben nicht.

Dominanz beim HundHunde, die souverän sind, haben selten ein Problem damit, wenn wir mal wieder so handeln, wie es kein Hund tun würde. Sie haben einfach ein Urvertrauen darin, dass es schon passen wird. Und wenn alle Stricke reißen, können sie ja immer noch eingreifen. Sie ruhen sozusagen in sich und gestehen uns zu, eigene Entscheidungen zu treffen und Fehler zu machen, ohne dass es sie auch nur in geringster Weise aufregt.

Hunde, die jedoch eher unsicher sind, stehen immer wieder kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nach meinem Empfinden wissen sie ganz genau, dass wir ja total anders sind und komische Dinge tun. Doch sie können nicht ganz aus ihrer Haut, können ihre Instinkte nicht unbeachtet lassen und greifen deshalb ständig ein. Wenn sie meinen es droht Gefahr, springen sie für uns in die Bresche. Und wenn sie meinen, wir machen eine Fehler, versuchen sie uns zu kontrollieren. Doch das alles hat in meinen Augen nichts mit Dominanz zu tun, sondern einzig und allein mit Unsicherheit.

Der Hund steht in diesem Fall ständig unter Stress. Seine Instinkte sagen ihm ständig, was alles verkehrt läuft und wir Menschen scheinen uns davon gar nicht beeinträchtigen zu lassen. Im Gegenteil: Wir machen stur damit weiter, was in seinen Augen so falsch ist. Und so taucht wahrscheinlich in seinem Kopf ständig die Frage auf: Was machen die da nur? Und so probiert er dann, ganz von seinen Instinkten geleitet, uns von Dingen abzuhalten oder uns zu korrigieren. Das ist es dann, was viele vielleicht als Dominanz ansehen.

Vertrauen statt Kampf?

Gehe ich von der Dominanz-Theorie vieler aus, müsste ich diesem Hund, der hier echt unter Stress steht, mit einer gewissen Härte begegnen, damit ich ihm klar mache: Ich bin der Boss! Dieser Hund, der nur auf seine Instinkte vertraut und mir zeigen möchte, was tief in ihm verwurzelt ist, müsste ich dann mit Verboten und Strenge sagen, dass sein Verhalten total unangebracht ist. Stellt man sich das jetzt einmal so vor, dann kommt vielleicht der Gedanke, das man damit alles nur noch schlimmer macht. Denn dieser Hund bekommt noch mehr Stress. Er möchte eigentlich in uns mit Harmonie zusammenleben und vertraut auf seine Instinkte – wir sagen ihm aber, dass er das nicht darf und maßregeln ihn vielleicht noch dafür. Was passiert dann? Der Hund wird noch unsicherer und das kann sich in vielen verschiedenen Richtungen zeigen.

Dominanz beim HundWas wäre aber, wenn wir ganz anders an dieses Thema heran gehen? Wenn wir diesem unsicheren und gestressten Hund zeigen, dass wir sein Problem verstehen, er aber auch verstehen muss, dass wir genau wissen, was wir tun. Zeigen wir diesem Hund, dass wir der Verantwortung gewachsen sind und seine Instinkte respektieren, aber dennoch unseren eigenen nachgehen, kann das Ergebnis ganz anders aussehen. In diesem Fall setzen wir uns nämlich genau mit den Problemen des Hundes auseinander und arbeiten gleichzeitig am Vertrauen.

Mit dieser Herangehensweise gehen wir auf die Instinkte ein, ermöglichen es dem Hund, sie zu akzeptieren und zudem aber auch ein Urvertrauen uns gegenüber aufzubauen. Klingt alles etwas verwirrend? Ist auch nicht gerade ein einfaches Thema. Aber vielleicht hilft ein Beispiel: Unser Devil ist ja auch ein unsicherer Hund. Wenn wir beispielsweise abends zur letzten Runde gehen, hab ich ihn meist an der Leine. Ich bin selbst nachtblind, fällt also mal eine Straßenlampe aus, bin ich automatisch etwas unsicherer, gehe langsamer etc. Das merkt natürlich auch der Hund. So hat Devil für sich entschieden: Wenn es draußen dunkel ist, ist Frauchen vollkommen überfordert. Daraus resultierte, dass er abends um 22 Uhr die gesamte Nachbarschaft zusammen bellte, wenn er irgendwo einen anderen Menschen ausmachte, ein Fahrrad vorbei fährt usw. Somit hatte ich auch mehr Stress und wir waren im Teufelskreis.

Je angespannter ich war, desto mehr hatte Devil das Gefühl, er muss alles regeln. So schnaufte er schon auf, wenn wir nur aus der Tür gingen und bellte schon mal ohne Grund drauf los. So ging es natürlich nicht weiter und deshalb haben wir jetzt damit angefangen, etwas zu ändern. Die Inspiration dafür bekamen wir beim Anschauen vom „Hunde-Profi“ und nach einigem Nachdenken war uns klar, dass könnte eine Lösung sein. So haben wir eine kleine Regel eingeführt: Geht es raus, gehen die Menschen voran und Devil folgt uns, wenn wir ihn rufen. Rein ist es genau anders herum. Eigentlich eine Kleinigkeit. Aber es hat große Auswirkungen, denn wir kommen damit Devils Instinkten entgegen.

Wo er bisher dachte, er muss gleich beim Rausgehen klar machen, dass er da ist und für Sicherheit sorgt, zeigen wir ihm mit dieser kleinen Änderung: Hey, wir sorgen jetzt selbst dafür, dass alles sicher ist. Und das akzeptiert er vollkommen. Es gibt kein Schnaufen mehr und wenn Menschen nicht gerade überraschend um die Ecke kommen, gibt es kein Bellen. Mit den Fahrrädern hat er noch ein paar Probleme, aber wir sind uns sicher, dass wir das auch in den Griff bekommen. Der Hund ist entspannter, wir sind entspannter und das alles nur dadurch, dass wir so handeln, wie es für ihn aufgrund seiner Instinkte plausibel ist. Wir schaffen also Vertrauen.

Gibt es also keine Dominanz beim Hund?

Das ist eine Frage, über die ich lange nachgedacht habe. Ich glaube, es gibt Dominanz beim Hund – aber viel, viel seltener, als wir es annehmen. Ich denke, größtenteils ist es wirklich eine Unsicherheit und der Hund weiß nicht, ob er uns oder seinen Instinkten vertrauen soll. Deshalb finde ich Strenge und Strafen oder Verbote hier wirklich kontraproduktiv. Hat man einen wirklich dominanten Hund vor sich, wird sich das ganz anders äußern und nicht nur hier und da in einigen Handlungen.

Und jetzt bin ich gespannt: Wie stehst Du zum Thema Dominanz beim Hund? Ich weiß, dass hier wirklich ganz verschiedene Meinungen aufeinander treffen und freue mich auf eine respektvolle und offene Diskussion.

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  • Günther Bloch, Elli H. Radinger
  • Herausgeber: Franckh Kosmos Verlag
  • Auflage Nr. 1 (01.04.2010)
  • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten

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Bildcredits: Image by StockUnlimited

Über Nicole Rinne

Nicole hat drei Leidenschaften: Hunde, Marketing und das Schreiben. Mit dogeridoo ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen, denn hier passt einfach alles zusammen.Für Spaß, nette Gespräche und ausgiebige Spaziergänge ist sie natürlich auch immer zu haben!

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