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Hyperaktive Hunde – Realität oder nur eine Entschuldigung?

Gibt es hyperaktive Hunde? Spike, ein kleiner Terrier-Mischling, ist wohl das, was man umgangsprachlich als „Stress-Pille“ bezeichnet. Der Kleine steht einfach ständig unter Strom, bellt bei jedem Geräusch, begrüßt Besucher äußerst stürmisch und hält sich nicht länger als drei Minuten am Stück im Körbchen aus. Entspanntes Spazierengehen oder auch gemütliche Kuschelabende auf der Couch sind Spike und seiner Halterin fremd. Stattdessen ist immer Action angesagt und niemand kommt so wirklich zur Ruhe. Alle „Erziehungsversuche“ sind bisher gescheitert und Spikes Frauchen ist total überfordert. Niemand scheint ihr helfen zu können – bis das Verhalten, das Spike zeigt, schließlich einen Namen bekommt: Hyperaktivität!

Wir alle haben schon von Hyperaktivität bzw. ADHS bei Menschen gehört. Gleich vorweg möchte ich daher hier sagen, dass man das nicht eins zu eins auf die Hunde übertragen kann. Es gibt hier viele Unterschiede und von daher stellen wir auch keine Vergleiche an. Da der Begriff Hyperaktivität jedoch bekannt ist und das Verhalten recht gut beschreibt, wird dieser auch verwendet (nicht nur hier in diesem Artikel). Wie es aber bei Begriffen dieser Art leider normal ist, werden sie häufig als „Stempel“ missbraucht und somit entweder viel zu schnell verwendet – oder nicht richtig Ernst genommen. Auch Spikes Frauchen wusste zuerst nicht viel damit anzufangen und war skeptisch. Doch zum Glück ist sie am Ball geblieben, hat sich informiert und konnte ihrem kleinen Vierbeiner endlich helfen.

Hyperaktive Hunde?

Hyperaktive HundeTja, die Überschrift dieses Artikels lässt schon erkennen, dass man sich nicht einig sind, ob es hyperaktive Hunde wirklich gibt. Auf Menschen, die mit diesem Begriff nichts anfangen können, wirken Hunde wie Spike einfach sehr aktiv, frech, überdreht und meist auch unerzogen. Es gibt dann einen tadelnden Blick für Frauchen und Herrchen und vielleicht noch ein paar Kommentare über die Benimmregeln, die für Hunde gelten sollten. Frauchen und Herrchen können dann noch so oft beteuern, dass sie schon alles probiert haben, der tadelnde Blick bleibt. Dazu kommt dann der Stress für die Hundehalter und das ständige Gefühl, zu versagen.

Versagt hat jedoch keiner, wenn ein kleiner Terrier-Mischling wie Spike komplett überdreht. Was anfangs auf den Terrier-Anteil in ihm geschoben wurde und später als Ungehorsam ausgelegt wurde, ist ein Verhaltensproblem, unter dem der Hund leidet. Hunden wie Spike fällt der Alltag nicht leicht. Jedes Geräusch, jede Bewegung versetzt sie sofort in Stress. Wo „normale“ Hunde nicht mal mit der Wimper zucken, dreht Spike komplett durch. Er ist völlig überfordert von all den Reizen, die die Welt ihm bietet, steht richtig unter Stress und kann nichts dagegen tun. Ihm fehlt sozusagen ein Filter, der die Eindrücke des Alltags etwas abmildert und somit erträglich macht. Diese Reizüberflutung führt also zur Hyperaktivität.

Woran erkennt man hyperaktive Hunde?

Mit der Frage, wie es überhaupt hyperaktive Hunde geben kann, beschäftigt man sich in der Forschung erst seit wenigen Jahren. Auch die Meinungen und Erklärungsansätze dazu sind vielfältig. Einige sprechen von einer genetischen oder neurologischen Erkrankung, andere sehen äußere Einflüsse als verantwortlich an. Mit hinein spielen natürlich auch Themen wie Ernährung, Auslastung und einiges mehr. Es kann also nicht klar gesagt werden, warum ein Hund hyperaktiv ist. Noch weniger gibt es ein einfaches Mittelchen dagegen, dass auf einen Schlag alles ändert.

Hyperaktive HundeDa man sich nicht wirklich einig ist, woher die Hyperaktivität bei Hunden stammt, ist es natürlich auch schwer, sie überhaupt richtig zu erkennen und zu benennen. So gibt es beispielsweise Rassen, die von Haus aus sehr aktiv und reizempfindlich sind. Viele Terrier gehören dazu. Sie lieben die Bewegung, das Spiel und machen auch gern mal mit Bellen klar, was sie gerade gut oder schlecht finden. Dann gibt es noch andere Rassen, denen die Hyperaktivität schon fast angezüchtet wurde. Dazu gehört der Malinois (Belgischer Schäferhund), der im Rassestandard folgendermaßen charakterisiert wird:

Der Belgische Schäferhund ist wachsam und rege, von übersprudelnder Lebhaftigkeit und stets aktionsbereit. Neben seinen angeborenen Fähigkeiten als Hüter der Herden besitzt er die wertvollen Eigenschaften eines sehr guten Wächters für Haus und Hof. Er verteidigt seinen Herrn ohne jegliches Zögern hartnäckig und leidenschaftlich. Er vereinigt in sich alle für einen Schäferhund, Wachhund, Schutzhund und Diensthund erforderlichen Vorzüge. (Quelle: VDH)

Man könnte daher Malinois generell als hyperaktive Hunde bezeichnen. Das sind sie jedoch nicht. Vielmehr sind sie bei richtiger Führung und Auslastung wirklich tolle Begleiter, mit denen man viel Spaß haben kann.

Also lässt sich im Großen und Ganzen nur sagen, dass man Vierbeiner, die einfach keine Ruhe und Entspannung finden und vom Alltag überfordert sind, vorsichtig als hyperaktive Hunde bezeichnen kann. Dazu sollte vorher natürlich aber auch mit einem Tierarzt abgeklärt werden, ob nicht andere Beschwerden, wie eine Schilddrüsenerkrankung oder anderes, für das hyperaktive Verhalten verantwortlich sein könnten.

Wie hilft man hyperaktiven Hunden?

Wo die Diagnose schon schwer ist, gibt es nur selten ein einfaches Rezept, das angewendet werden kann. So ist es auch bei hyperaktiven Hunden. Spikes Frauchen hat viele Gespräche geführt, noch mehr gelesen und so einiges ausprobiert, um ihrem Hund zu helfen. Sie hat gelernt, das hyperaktive Hunde nicht krank sind oder „verhaltensauffällig“. Sie brauchen einfach eine andere Art der Führung durch den Alltag.

Tipps für den Umgang mit hyperaktiven Hunden

  • auf eine hochwertige Ernährung achten (wenig Getreide und Nebenerzeugnisse, gute Protein-Quellen etc.)
  • die Ruhe bewahren, auch wenn es schwer fällt
  • neue Situationen mit dem Hund bewusst und langsam angehen, immer Rückzugsmöglichkeiten bieten
  • Konzentration des Hundes fordern (Leckerli suchen, über Baumstämme balancieren usw.)
  • auf ruhigere Spiele ausweichen, bei denen der Hund nicht so hochdreht
  • ausreichend Bewegung in ruhiger Umgebung
  • körperliche Anstrengung durch ruhige Bewegung wie Schwimmen etc.
  • Strukturen und Rituale in den Alltag integrieren
  • Ruhezeiten fordern, evtl. durch Massagen unterstützen
  • die Unterstützung eines wirklich guten Trainers suchen

Hyperaktive HundeDiese Tipps sind natürlich eher allgemein und nicht alles wird bei jedem Hund gleich gut funktionieren. Daher ist auch die Zusammenarbeit mit einem Trainer, der sich auf diesem Gebiet wirklich auskennt, zu empfehlen.

Spikes Frauchen hat zuerst die Ernährung umgestellt und mehr Struktur in den Alltag gebracht. Das hat Spike schon mal geholfen. Gemeinsam mit einem Hundetrainer hat sie dann nach Beschäftigungsmöglichkeiten gesucht, die Spike Spaß machen, ihn jedoch nicht gleich wieder voll aufdrehen lassen. Auch lernte sie, wie sie Stück für Stück die Konzentrationsfähigkeit ihres Hundes steigern konnte. Das Training mit Spike wird nie wirklich zu Ende sein und Spike wird wohl auch nie ein Hund, der den ganzen Tag entspannt im Körbchen liegt und die Welt an sich vorüberziehen lässt. Aber mit jeder Woche fällt es ihm etwas leichter, bestimmte Reize besser zur verarbeiten und vor allem seine Reaktion darauf zu beeinflussen.

Fazit:

Hyperaktive Hunde sind kein Mythos und auch keine Entschuldigung für fehlende Erziehung. Vielmehr sind es einfach Hunde, die mit den Reizen, die tagtäglich auf sie einströmen, nicht gut umgehen können. Unsere Aufgabe als ihr Halter ist es dann, diese Reize erträglicher zu machen, Alternativverhalten anzubieten und vor allem Ruhe und Vertrauen zu vermitteln. Hyperaktive Hunde fordern uns, aber lassen wir uns auf den langen Weg ein, wachsen wir gemeinsam mit ihnen und können somit auch alle Hürden überwinden.

Hast Du Erfahrungen mit hyperaktiven Hunden gemacht? Schreib uns in den Kommentaren davon.

Der hyperaktive Hund
  • Maria Hense
  • Herausgeber: animal learn
  • Auflage Nr. 1 (09.11.2010)
  • Gebundene Ausgabe: 175 Seiten

Letzte Aktualisierung am 18.11.2017 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Bildcredits: StockUnlimited

Über Nicole Rinne

Nicole hat drei Leidenschaften: Hunde, Marketing und das Schreiben. Mit dogeridoo ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen, denn hier passt einfach alles zusammen.Für Spaß, nette Gespräche und ausgiebige Spaziergänge ist sie natürlich auch immer zu haben!

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4 Kommentare

  1. Mir wurde immer wieder gesagt, dass Bella hyperaktiv wirkt – nur, weil sie draußen übersprudelt vor Freude. Dass sie drinnen ganz anders ist, glaubt mir kaum jemand. Dass sie gerne kuschelt und viel schläft erst recht nicht. Die müsse anstrengend sein, heißt es. Die könne nicht still halten.

    Das Urteil „hyperaktiv“ ist schnell gefällt. Ich sage: Bella ist sehr freundlich, sehr stürmisch. Aber keinesfalls hyperaktiv.

    • Ja, allgemein wird ja gern vorschnell geurteilt. Ich finde es nur wichtig, dass betroffene Hundebesitzer Hilfe bekommen und sich bewusst werden, dass sie ihrem Vierbeiner helfen können – bevor mit Strafen oder schlimmerem reagiert wird

  2. Ein interessantes Thema!! Es ist eben nicht ein Hund wie der andere, wie auch kein Mensch dem anderen gleicht. Der Artikel fasst gut zusammen, dass es eben verschiedene Gründe haben kann, warum ein Hund evtl. etwas „aus der Reihe tanzt“. Rasse, individueller Charakter und Beschäftigungspensum spielen dabei natürlich eine große Rolle. Sehr gut ist der Hinweis, dass „hyperaktiv“ anmutendes Verhalten eben auch andere Ursachen haben kann, wie organische Leiden oder falsche Fütterung.

    • Ja, das ist wirklich ein vielfältiges und nicht einfaches Thema. Ich war auch bei den Recherchen überrascht, was alles einen Einfluss haben kann. Gleichzeitig gibt es noch viel zu wenig Infos darüber.

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